Immer alles auf einmal... ist das wirklich notwendig? |
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Ich habe da eine Theorie, warum mir immer so viel auf einmal passiert.
31.08.2010 HALLO?! Was war das denn? Ist das nicht komisch, dass einer so viel Aufwand betreibt, um eine Karte nicht verfallen zu lassen? Und obwohl seine Dienst-Nummer in Berlin ist würde er noch mal nach Potsdam gefahren kommen und mich abholen? Ist da nicht was faul? Da muss er ja von Berlin nach Babelsberg und wieder nach Berlin ins Tempodrom zum Konzert? Und was heißt "kein alter Sack"? Dass er in den Augen meiner Kollegin gut drauf ist? Andererseits, wann bekommt man so ein Geschenk? Und mein Sohn hat gerade noch heute früh den Ja-Sager zitiert und dass man viel mehr erlebt, wenn man nicht immer nein sagt... (Kennt er meine Kollegin?) Nach einer Stunde habe ich mich entschieden.
Auf dem Weg in die Praxis halte ich im Bioladen an und kaufe als Dankeschön zwei mal leckere Früchte-in-Schokolade-Pralinen. Für meine Kollegin und den fremden Mann. Ich ordne grade Akten, als das Telefon klingelt. Ich hab’s verpasst weil das Handy unter dem Papier verkramt war und schon ist die Mailbox drangegangen, dann kommt ein anderer Anruf und so kann ich erst 10 Minuten später die Mailbox abhören. Nette Stimme hat er. Ich soll mal anrufen wegen heute Abend. Das mache ich prompt. Er ist irgendwie mit drei Sachen gleichzeitig beschäftigt. Im Hintergrund sind andere Leute zu hören. Dienstgespräche. Es wird schnell klar, dass er der-Chef-vons-Janze ist... Dann ist er ganz Ohr: ob er wirklich extra noch einmal nach Potsdam fahren will? Ja er will sich eh noch umziehen (Sch... Stichwort! Ich bin ja in Arbeitsklamotte und habe GAR NICHTS zum umziehen hier? Na großartig! Eine maßgeschneiderte Wollhose und ein Edelshirt sind ja wahnsinnig passend für ein Rock-Konzert *STÖHN*) und ach und ja die Praxis ist tatsächlich gleich um die Ecke von seiner Wohnung. Hin und her, er wird mich nachher von hier aus mitnehmen. Ich: "und wann müssen wir los?“
Zu pünktlich, vier Minuten vor halb sieben, klingelt es. Ich stehe mit einem Müllbeutel halb im Flur, das rechte Bein in einer unvollendeten Pirouette in der Praxistür, damit sie nicht zufallen kann - so starre den großen Mann (193 cm) bedröppelt von schräg unten an ... zweiter Eindruck, wie auch schon die Stimme: ebenfalls sehr nett. Auf der Fahrt telefoniert er. Versucht eine Telefonkonferenz herzustellen zwischen Holland, USA, GB und Deutschland und mich mit ein wenig Musik bei Laune zu halten. An der Ampel dann ist da keine freie Hand, um den Gang einzulegen. Später kommt er immer mal zu dicht an die Leitplanke, denn er muss immer wieder das Display checken, SMS oder Mails weiterleiten, sich neu einwählen, Tasten drücken oder Telefonnummern raussuchen. Einmal lasse ich mich hinreißen, das Steuer von der Beifahrerseite aus kurz zu übernehmen. Schien mir sicherer. Nebenbei versucht er dennoch ein Gespräch mit mir herzustellen. Aber die Fragen, die er mir stellt kann ich nie zu Ende beantworten weil schon wieder das Fon klingelt, jemand eine Info braucht oder die letzte diktierte Telefonnummer nicht gestimmt hat. Mitten auf der Riesenkreuzung Innsbrucker Platz kurbelt er dann sein Fenster runter und ruft laut zu unserem Ampelnachbarn rüber: "Mensch Klasse! Das wir uns hier treffen - sonst sehen wir uns Monate nicht!" Der andere lässt auch die Scheibe runter und lächelt freundlich zu uns rüber. Ich könnt mich schlapp lachen. Der Mann hier neben mir ist ne echte Marke! Jetzt fragt er den Geschäftskollegen im dunklen Anzug, Schlips und Kragen tatsächlich, ob er weiß, wie man von hier gut zum Tempodrom fahren kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sein Bekannter das wirklich will und irgendwie behindern wir auch den nachfolgenden Verkehr, denn inzwischen ist Grün und wir fahren mit zwei Wagen so nebeneinander, dass alle anderen sich wohl oder übel hinter uns einreihen müssen. Irgendwann löst er den Knoten auf, indem er sich von seinem Bekannten verabschiedet LACH Er hat das Auto erst drei Tage und das Navi hat so seine Eigenheiten. Wo ist beispielsweise der Buchstabe "Ö" versteckt? Endlich haben wir es rausgefunden: Zuerst muss man das O antippen, dann erst kann man angeben, dass man es zum Umlaut umfunktionieren möchte... nun kann ich sogar die Möckernstraße als Suchziel eingeben. Das reicht bestimmt auch ohne Hausnummer aus. Wir trauen uns zu, das Tempodrom wiederzuerkennen, wenn wir es sehen. Dass wir es sehen steht ja auch außer Frage, denn es ist nicht das, was man "klein" nennt. Als die Navi-Stimme verkündet "Sie haben die Zielstraße erreicht" sieht jedoch nichts, aber auch GAR nichts so aus, wie das übergroße Tempodrom-Zelt oder als ob hier ein solches überhaupt Platz hätte. Shit! Schnell, schnell! Noch ist die Ampel rot und wir versuchen das Ziel zu modifizieren... zwei verschiedene Hände tippen zur gleichen Zeit auf den Touchscreen, was die Zieleingabe nicht beschleunigt. Wir diskutieren währenddessen: Möckerndamm statt straße? Gibt es hier nicht... Äähhh!!! ... Okay! Sonderziele? ... Sehenswürdigkeiten? Nein! ... Autobahnraststätten? Nein! ... Banken? Nein! ... Tankstellen? Öffentliche Ämter? Freizeit und Kultur? ... Nein! Nein! Ja! ... Kino? ... Theater? Sportanlagen? ... Golfplätze? ... Darstellende Kunst? ... Meinste? Na dann nehmen wir das mal, auch wenn man bei "Rock-Konzert" nicht als erstes in "darstellende Kunst" abstrahieren würde. Doch wir werden überrascht! Tempodrom steht tatsächlich unter "darstellende Künste" in Freizeit und Kultur! Wir sollen links abbiegen und mein Chauffeur muss über zwei Spuren kreuzen. Jemand hupt kurz, aber es gibt kein wirkliches Problem. Außerdem vermute ich laut "Wir haben doch sicher ein Ausländer-Kennzeichen? Potsdam?" Er zuckt die Schultern. Leider steht am Nummerschild ein B - Oh wie peinlich. Ein Berliner in Berlin... Ihn stört es nicht. Er ist Kummer gewohnt. In Potsdam kommt er mit dem B-Kennzeichen auch nicht gut an. LACH Das Navi zeigt uns in cooler Perspektive, dass es nur noch 500 m bis zum Tempodrom sind und wir finden einen genialen Parkplatz. Den Rest laufen wir, so wie wir es grade dreidimensional auf dem Display gesehen haben: einen kleinen Fußweg entlang. Auf diese Weise kommen wir drei Minuten später direkt neben dem Tempodrom raus. Nur noch über diese kleine Straße hier... halt da kommt ein Auto! Ich habe Zeit, das Straßenschild zu lesen. Das ist doch nicht? Leute haltet Euch fest. die Möckernstraße! Wir waren vorhin doch richtig. Was ein Spaß! So stehen wir auf dem Vorplatz, können noch in den Sonnenuntergang lunsen und die letzte Wärme genießen. Er zeigt mir die Tickets: "Die sind online ausgedruckt. EINmal hab ich es schon geschafft, damit reinzukommen." Gerade jetzt scheint endlich seine Telefonkonferenz zustande zu kommen. Wir stehen vor den Eingangstüren und er hat die Online-Tickets in der Hand.
Dann suche ich erst mal ewig die Klos. Zum Glück bin ich nicht noch ne halbe Stunde draußen geblieben! Das wäre knapp geworden. Lieber runter in die Konzerthalle. Der Typ von der Vorband (wie heißt das, wenn es sich um einen Solo-Künstler handelt? Pre-Act? Bei wikipedia finde ich morgen heraus, dass er Owen Pallett heißt.) zupft und schlägt auf seiner Geige sehr spezielle Rhythmen und Melodien, die dann in einer Endlosschleife vom Computer übereinander gelagert und wiederholt werden. Das wiederholt er mit mehreren Sequenzen, bis es einen orchestralen Klang ergibt. Erst dann beginnt er zu singen. Eigenwillig aber cool. Um seine Musik nicht als unmelodisch zu empfinden, muss man sich einfach nur mit dem Gehör an eine der zuerst eingespielten Grundsequenzen klammern und die darüber liegenden Teile lose vorbei schweben lassen.
Zwanzig Minuten nach diesem durchdringenden Beginn ist mein edler Spender noch nicht wieder aufgetaucht. Aber das ist irgendwie ungünstig, da meine Handtasche in seinem Auto liegt und ich dann keinen Schlüssel habe, um zu Hause reinzukommen oder so. Also ich MUSS ihn irgendwie wieder finden und schreibe eine SMS: "Links vor dem Mischpult WINK"
Fünf Minuten später haben wir uns entdeckt. Er teilt mit mir sein Bier und wir tauschen uns mit Händen, Gesten und einzelnen geschrieenen Worten über den Pre-Act aus, so gut es eben vor dieser Geräusch-Kulisse eben geht. Zwischen Vorband und Band reden
wir dann das erste Mal ein paar ganze Sätze mit etwas mehr Inhalt. Kindheit in Potsdam, Kinder und Elternversammlungen, Beruf ... so ein bisschen. Ich schaue aus irgendeinem Grund auf den Boden und meine Augen bleiben an einem weißen Strich an meinem Ausschnitt hängen. Was ist das? Dann kommen Arcade Fire auf die Bühne und das Dunkel erlöst mich gnädigerweise. Die acht Leute machen so dermaßen was los, dass nach dem zweiten Song kein T-Shirt im Publikum mehr trocken ist. (Es sind wohlgemerkt trotz August nur 14°C!) Deren ganzer Esprit, die Musik und die Stimmung sind SOOO mitreißend, dass ich mich nach dem dritten Song umdrehe umd ihm ganz aufgeregt "Danke, das ist so der Hammer!" zuschreie. Er strahlt und ich drück ihm nen Kuss auf die Wange. Auf dem Heimweg im Auto reden wir alle Einzelheiten noch mal mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen durch. Geil geil geil! Ich schwinge noch die ganze Nacht nach und den nächsten Morgen auch, obwohl ich nur zu fünf Stunden Schlaf komme. 01.09.2010 Es ist ein alter Mann. Schlaganfall. Der Busfahrer hatte gesehen, wie er einfach in sich zusammengesackt war und hat angehalten. Mit einem Passagier zusammen hat er den Notarzt gerufen und den Mann schon in die stabile Seitenlage gelegt. Ich greife sofort nach dem Handgelenk des Mannes. Sein Puls ist viel zu schwach. Mist! Auch die Atmung stimmt nicht ... innerhalb einer Miute ist beides nicht mehr tastbar. Ich muss ihn auf den Rücken legen, damit man Beatmen und Herzmassage machen kann ich komme nicht dazu, ihn zu reanimieren, wie ich es gelernt habe, weil ich von einer Frau beiseite gedrängt werde, die verkündet, sie hätte eine medizinische Ausbildung und alle anderen hier wohl keine Ahnung, denn der Mann müsse ja zuallererst in die stabile Seitenlage. Sie hat tatsächlich auch eine Art Sanitasche bei sich. Leider hört sie nicht auf das was ich ihr über den Zustand des Mannes sage und ich bin auch zu geschockt, um mich richtig konsequent durchzusetzen ... er ist gestorben. War klinisch tot zwei oder drei Minuten bevor der Notarzt eintraf... Während die Rettungssanitäter ihn beatmet, Herz massiert und defibrilliert haben, hab ich mich um die Angehörigen bemüht, die dabei standen. Die waren fix und fertig. Irgendwann als die Leute keine Hilfe mehr brauchten habe ich mich verabschiedet und bin losgefahren. Ich hab so gefroren wie ein Schneider. 12°C im Schatten, komplett durchgeschwitzt vom Fahrradfahren und voller Schreck in allen Knochen und voller Gedanken Alles in allem wünscht sich jeder Mensch in Würde und Frieden zu sterben. Wäre es gut, wenn er friedlich gestorben mit dem Kopf auf meinem Schoß gestorben wäre? Aber ich wollte doch helfen und es richtig machen und die Reanimation beginnen. Aber dann bin ich nicht dazu gekommen. Wäre es eine Anmaßung gewesen, ihn einfach nur friedlich einschlafen zu lassen? So als wolle man Gott ins Handwerk pfuschen? Diesen ganzen Kummer und die Selbstzweifel wüte ich wie eine Irre in Richards Pedale. Eine halbe Stunde später kann ich endlich das Tempo nicht mehr halten. Fange mitten im Wald an, laut zu heulen, schniefen und schreien... hat noch einen ganzen weiteren Tag und die Hilfe meiner Homöopathin in Anspruch genommen, bis ich das Gefühl hatte, dass ich alles loslassen kann.
Ich hab mich immer gefragt, ob ich das kann? Im Notfall rausfinden, was zu tun ist? 04.09.2010 Damit noch nicht genug.
Was zum Geier macht so jemand heute hier mitten in der Pampa?
06.09.2010 Das war ja noch längst nicht alles
Ich helfe, versorge und bleibe da, bis Polizei und Notarzt eintreffen. Dann gebe ich zur Zeugenaussage und/oder Nachsorge der Geschockten meine Visitenkarte weiter und radle vorsichtig nach Hause. 08.09.2010 Nee, nee. Das war noch nicht alles.
09.09.2010 Da geht doch noch was.
10.09.2010 Drittletzter Akt
11.09.2010 7:21 Uhr
Ich hab irgendwie Angst, was mich erwartet. Zu Recht. Auf dem AB ist die Schwester der Tagespflege in der meine hilfsbedürftige Oma seit gestern untergebracht ist. Sie soll 7 Tage dort bleiben, damit meine Eltern zum ersten Mal nach anderthalb-Jahren_Rund-Um-Die-Uhr-Oma-Pflege ein paar Tage wegfahren können. Die Schwester klingt ernst. Ich soll schnellstmöglich zurückrufen. Sch...! Eine halbe Stunde lang versuche ich immer und immer wieder jemanden zu erreichen. Erfolglos. Sicher ist dort grad Frühstückszeit? Es wird ja hoffentlich keine so große Katastrophe passiert sein, dass niemand mehr ans Telefon gehen kann? HILFE!
Mist mist mist. Was denn nun? Ich renne ziellos durch die Wohnung und finde keinen Anfang und kein Ende nur Fetzen von Ideen und Themen, die ich nicht lösen kann. Nur EIN einziger Gedanke ist klar genug, dass ich ihn festhalten und umsetzen kann: Ich rufe meine Freundin an, die KANN denken. Per Telefonseelsorge, Notfalltropfen und Aconit C30 päppelt sie mich auf. Dann steht die Reihenfolge fest: 1 Duschen, 2 kleines Frühstück, 3 Nachthemd, 4 Unterwäsche, 5 Strickjacke für die Oma raussuchen und einpacken, 6 im Tagespflegeheim die Papiere und die Waschtasche holen, 7 in die Praxis fahren, um die homöopathische Notfallapotheke einzusammeln, 8 unterwegs meinem Bruder Bescheid geben, 9 ins Krankenhaus zur Oma und 10 zum behandelnden Arzt... Die Schwester im Heim ist untröstlich und sehr hilfsbereit. So bin ich schon zehn Minuten später wieder im Auto. Noch 30 Minuten weiter bin ich bei der Omi auf der Bettkante. Sie wurde mit 5 Stichen genäht. Die Wunde blutet noch immer und ist suppig, weil ein zwei-Euro-Stück großer Hautfetzen heraus gerissen ist. Das Nasenbein ist gebrochen und sie sieht furchtbar aus. Überall getrocknetes Blut, das Hämatom am Kopf ist 8 x 9 x 1,5 cm groß und dick. Sie hat blutunterlaufene Augen. Der Arzt ist nicht zu sprechen, da es ein Notarzt aus der Nachtschicht war. Oma weint und weint, weil niemand da war. Schon seit Jahren besucht sie keiner mehr und sie kennt auch niemanden mehr von diesen ganzen neuen Menschen! (Wir wohnen zusammen. Wir sind immer da. Oma hat Alzheimer-Demenz und mitunter ist es fies, wenn sie mir sagt, ihre Enkelin -das bin ich- sei schon Jahre desinteressiert an ihr. Aber dafür würden die Kinder von der jungen Frau in ihrem Haus manchmal! nett grüßen ... Die junge Frau bin auch ich und deren Kinder sind meine und die sind dauernd bei ihr ... ohne Worte! Der Krankenpfleger macht mit Oma die Grundanamnese fertig. Eigentlich sind die Gespräche lustig, wenn es nicht so traurig wäre?
11.09.2010 14:45 Uhr
12.09.2010 2:35 Uhr
Aber wer weiß, wozu das alles gut ist. Wenn ich mich nicht allzu dämlich anstelle begreife ich die Lehre eventuell. Oder ich finde raus, wieso MIR das alles passiert und anderen nicht. Vielleicht. Gute Nacht derweil! ich kann heut nicht mehr denken. Ich habe bei Douglas Adams (oder war es Terry Pratchett?) einen sehr passenden Spruch gelesen: "Der einzige Zweck der Zeit besteht darin, zu verhindern, dass alles auf einmal geschieht". Daraus kann man ganz logisch ableiten, dass Theorie 1 a): ich ganz offensichtlich weniger Zeit zur Verfügung habe, als ich gewillt bin zu erleben und darum muss bei mir immer alles haufenweise aufeinandergequetscht passieren.
Theorie 2 haben meine Kinder entworfen und wird in Insider-Kreisen die TV-Theorie genannt:
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